VorwortFriedhofsbesuche sind die nützlichsten Thomas Bernhard, Heldenplatz Der Tod hat sich in Wien scheinbar immer recht heimisch gefühlt. Die meisten Wiener G'schichten, Märchen und Mythen haben mehr oder weniger direkt mit ihm zu tun, ob er nun im Gewand der Pest, die Wien mehrmals und auf verheerende Weise heimsuchte, auftritt, oder, wie im berühmten Wienerlied "Es wird a Wein sein ...", dann doch, zumindest gegen Bacchus, den Kürzeren zieht. Der Liebe Augustin, der sagenumwobene Wiener Spielmann, der im Suff in eine Pestgrube fiel und am folgenden Morgen zwar verkatert, aber ansonsten unversehrt spottlustig aus dem Loch stieg, ist zum Urvater des "echten Wieners" geworden, der, so will es das Sprichwort, "nicht untergeht". Wien ist einer der Orte – aber beileibe nicht der einzige –, dem man ein besonderes Naheverhältnis zum "Gevatter Tod" nachsagt. Das kann bis zum Klischee gehen, wird aber auch immer wieder im Alltag greifbar, und sei es nur im Bestattungsritual der Burgtheatermitglieder, deren Sarg mit allem Pomp um die heiligen Hallen des Burgtheaters getragen wird, bevor man ihn in der Erde versenkt. Skeptikern sei ein Besuch des Zentralfriedhofes zu Allerheiligen empfohlen, wenn ganz Wien seiner "lieben Toten" gedenkt. Mag auch sein, dass der Tod als "Gleichmacher" seit der Zeit der Monarchie (und die ist so lange noch nicht vorbei) besondere Sympathie in der Bevölkerung genießt. Das "Anklopfritual" bei den Begräbnissen der Habsburger spräche immerhin dafür: Der kaiserliche Sarg musste vor der Kapuzinerkirche, der traditionellen Begräbnisstätte der Habsburger, Einlass begehren. Auf das Anklopfen des Zeremonienmeisters folgte von drinnen die Frage, wer da sei, worauf die minutenlange Nennung des kaiserlichen Titels folgte. Der Bescheid von drinnen lautete: "Ignosco" ("Kenne ich nicht"). Der zweite Versuch fiel dann etwas kürzer aus, bis es schließlich beim dritten Mal hieß: "Ein armer Sünder". Und das sind wir schließlich alle. Wien ist wahrhaftig eine Stadt, die dem Friedhofsbesucher nichts zu wünschen übrig lässt. 46 belegbare Friedhöfe gibt es in ihr, die aufgelassenen und in Parkanlagen umgewandelten nicht einmal mitgerechnet. Im Laufe der letzten 150 Jahre sind die Bestattungsareale aus dem Zentrum der Stadt abgewandert in die Außenbezirke, und dort liegen sie nun, auf den grünen Anhöhen des Wienerwaldes, oder, wie der Zentralfriedhof, im flachen Süden der Stadt. Letzterer, die Totenstadt Wiens, steht naturgemäß im Zentrum dieser Website. |
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Der von Wolfgang Ambros besungene Zentralfriedhof hat seine "ersten hundert Jahr" schon lange hinter sich. Seit 1874 werden die Toten Wiens zu einem guten Teil auf dem mehr als zwei Quadratkilometer großen Areal in Simmering, dem XI. Wiener Gemeindebezirk, beigesetzt. Nachdem man sich nach langen Querelen auf diesen Ort geeinigt hatte, traten bald die nächsten Komplikationen auf: Der interkonfessionelle Charakter, der dem Friedhof eignen sollte, rief bei den verschiedenen Glaubensrichtungen hitzige Streitereien hervor, insbesondere, was die Einweihungsfeierlichkeiten betraf. Die Lösung war dann eine typisch österreichische: In aller Frühe weihte Kardinal Rauscher am 30. Oktober 1874, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, den nach Plänen der Frankfurter Architekten Bluntschli und Mylius errichteten Zentralfriedhof ein. Doch die sprichwörtliche Liebe der Wiener zu ihren Toten wollte sich nicht so recht einstellen. Aufgrund seines anonymen Charakters und der trotz allem weiten Entfernung blieben die "Besucher" aus, bis man sich entschloss, alles, was Rang und Namen hatte, in eigens dafür geschaffene Ehrengräber zu überführen. Heute hat der Zentralfriedhof ca. 3 Millionen "Bewohner" und zählt zu den größten Friedhöfen Europas. Seinen Mittelpunkt bildet die von Max Hegele erbaute Lueger-Gedächtniskirche. Doch der Zentralfriedhof ist nicht der einzige Friedhof, der einen Besuch lohnt. Auf die Schließung der "kommunalen Leichenhöfe" Kaiser Josephs II. folgte die Errichtung der neuen Friedhöfe in den Vorstädten. Nur der St. Marxer Friedhof, ein nahezu intakter Biedermeierfriedhof, hat "überlebt". Zahlreiche Friedhöfe säumen nun den Rand der Stadt, wo Wien in den Wienerwald übergeht; der Grinzinger, der Hietzinger oder der verwunschene Kahlenberger Friedhof seien nur stellvertretend genannt. Eine eigene Geschichte ist die der jüdischen Friedhöfe Wiens. Sie alle mussten in der Zeit des Nationalsozialismus (und nicht nur dann) Schändungen hinnehmen; noch heute sind die meisten von ihnen in einem bedauernswerten Zustand. Ein Gang etwa über die Israelitische Abteilung des Zentralfriedhofs macht dem Besucher den Verlust, den das Land durch die Vertreibung und Ermordung der Wiener Juden erlitten hat, auf schmerzhafte Weise bewusst. Viele Vertreter der jüdischen Intelligenz sind auf nicht-jüdischen Friedhöfen begraben, weil sie konvertieren mussten oder wollten, die Mehrzahl aber hat im Ausland, in Argentinien, den USA oder Israel eine letzte Ruhestätte gefunden. Auf den Gräbern hier in Wien stehen heute oftmals unbekannte Namen, die doch zu ihrer Zeit eine bedeutende Rolle gespielt haben. Diese (2000 in Buchform erschienene) Website kann selbstverständlich nur eine Auswahl präsentieren. Aus der Not soll also eine Tugend werden: Die Subjektivität der Auswahl wurde gewissermaßen auf die Spitze getrieben, indem der auf das Wesentliche beschränkten Übersicht im zweiten Teil eine Auswahl von dreißig berühmten – in jedem Fall aber bemerkenswerten – Wiener Gräbern vorangestellt wurde; in der Hoffnung, dass dieser Ausschnitt dazu geeignet ist, ein repräsentatives Schlaglicht auf das Leben und Sterben berühmter Menschen in Wien zu werfen. |